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Tante Emma kommt zurück


Tante_Emma_Kommt_zurck_klein Renaissance der Dorfläden als Genossenschaft der Bürger – Studie: 70 Prozent der kleinen Orte ohne Supermarkt.

München – Laut einer aktuellen GMA-Studie haben bayernweit 70 Prozent der Dörfer unter 3000 Einwohnern keinen Supermarkt. Immer häufiger werden darum Dorfläden eröffnet.

Zwar kaufen weniger als die Hälfte der Dorfbewohner laut der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) in den Dorfläden ein. Gleichzeitig bescheinigt die Studie „Nahversorgung in Bayern“ aber eine zunehmende Bedeutung dieser Einkaufsmöglichkeiten durch die steigende Zahl der älteren Bevölkerung in den nächsten Jahren. Sie gibt den Kommunen konkrete Handlungsempfehlungen, wie in Zukunft die Nahversorgung alternativ gesichert werden kann, wenn herkömmliche Konzepte betriebswirtschaftlich nicht mehr rentabel sind. „Wir haben in Bayern zahlreiche Direktvermarkter aus der Landwirtschaft. Wenn wir diese in Kleinflächenkonzepten, die häufig nicht kommerziell sind und kommunal unterstützt werden, integrieren, können wir eine Nahversorgung auch in kleineren Gemeinden und Gemeindeteilen sicherstellen“, erklärte Wirtschaftsminister Martin Zeil.
Besonders für ältere Menschen ist der Weg zum nächsten Geschäft mit Auto, Rad, Bus oder Bahn beschwerlich. Großhandelsketten sind aber meist nicht bereit, in kleinen Orten neue Märkte zu errichten. Die Zahl der kleinen Lebensmittel-Einzelhändler hat sich zudem laut einer früheren Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsförderung (IÖW) in den letzten 40 Jahren bundesweit um fast zwei Drittel reduziert. Aber es gibt noch rund 50000 von ihnen in Deutschland.
Und es entstehen auch wieder neue kleine Lebensmittelgeschäfte: Großhandelsunternehmen wie Edeka, Bonus, Feneberg oder Um’s Eck realisieren Kleinflächenlösungen. Es gibt rollende Supermärkte, Wochenmärkte oder gerade in ländlichen Gegenden einen von Bürgern als Genossenschaft oder GmbH organisierten Dorfladen. Die Einheimischen kaufen einen oder mehrere Anteile, bis die Anschubfinanzierung für den Laden und das oft von regionalen Anbietern zusammengestellte, begrenzte Warenangebot gesichert ist. Die Haftung der Mitglieder ist klar begrenzt auf ihren jeweiligen Anteil. Im Mittelpunkt steht nicht der Profit, auch wenn die Läden oft rentabel arbeiten und manchmal sogar Dividenden auszahlen können, sondern die Nahversorgung. Hochburgen für die „Tante-Emma-Läden“ in Genossenschaftsform sind Bayern und Baden-Württemberg. Standort ist meist eine Haupt-straße, um auch Durchgangsverkehr als Kunden anzulocken.
Einige Beispiele: Erster „Dorfladen“ Bayerns ist das 1994 in Utzenhofen bei Amberg eröffnete Geschäft. 1998 startet ein Dorfladen in Ettenbeuren bei Günzburg, 2001 in Amerdingen im Donau-Ries, 2005 in Paunzhausen bei Freising, 2006 in Hurlach bei Landsberg am Lech. In Heilgersdorf bei Coburg eröffnet 2008 ein Dorfladen mit 800-1000 Artikeln und rund 200 Kunden pro Tag, der kürzlich sogar um einen auch als Cafe genutzten Dorfgemeinschaftsraum erweitert wurde. 2010 macht „Unner Lädla“ in Grafengehaig bei Kulmbach die Tore auf, Rechtsform ist eine GmbH. In Mittelfranken bauen die Bürger von Simonshofen als Genossenschaft einen ehemaligen Kuhstall zum „Dorfmarkt“ um. 2004 eröffnet der „Allgäu Dorfladen“ in Krugzell bei Kempten. Er bietet zusätzlich Sonderaktionen wie ein Grillfest, die Aktion „Rund um den Kürbis“, Neubürger-Gutscheine, einen Rezeptservice sowie die Dorfladen-Kundenkarte. An die 200 Bürger hatten mit Geldeinlagen das Projekt ermöglicht. Hinzu kamen Beiträge der Lieferanten sowie eine Förderung durch das EU-Programm „Leader Plus“. Das Konzept war so erfolgreich, dass es in weitere Kommunen exportiert wurde. Zwei Ortsteile im unterfränkischen Burkardroth planen einen Dorfladen mit Getränkemarkt. Derzeit werden die Einlagen gesammelt.
Die Einrichtung eines Dorfladens habe „nichts mit Sozialromantik zu tun, wie Spötter oft meinen“, sagt der Münchner Handelsberater Wolfgang Gröll. Von den 110 bayerischen Dorfläden, die seine Firma in den letzten zwölf Jahren betreute, haben 90 Prozent überlebt. Dorfläden müssten heute „Qualität bieten“, regionale Produkte verwenden, Grundnahrungsmittel teilweise billiger als im Discounter verkaufen und ein ausgewogenes Frische-Sortiment vorweisen.
Quelle: "Bayernkurier" Nr. 18 vom 17.05.2011
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